Warum ist die Energiewende eigentlich so schwierig? Schließlich ersetzen wir ja nur Strom aus fossilen Quellen wie Erdöl oder Kohle durch Strom aus Wind und Sonne…

Das mag auf den ersten Blick so erscheinen. Aber wir müssen uns diese neuen Energiequellen genau ansehen: Strom liefern sie nur, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht – ganz im Gegensatz zu Kraftwerken, die fossile Energieträger verbrennen. Das bedeutet, dass sich die Spielregeln im Energiesystem verändern: Bisher hat sich die Erzeugung nach dem Verbrauch gerichtet – in Zukunft werden wir zunehmend den Verbrauch an die schwankende Erzeugung anpassen müssen. Das ist ein Paradigmenwechsel. Genau darum sind Initiativen wie WindNODE und SINTEG ja so wichtig. Und noch etwas: Wenn man sich die Zusammensetzung des deutschen Strommixes in den letzten zwanzig Jahren anschaut, stellt man fest, dass der Strom aus Wind und Sonne bilanziell den Strom aus Kernkraft ersetzt hat. Der Atomausstieg funktioniert. Am Beitrag der Kohle, speziell der Braunkohle, hat sich aber noch nicht viel geändert, und auch in anderen Sektoren – speziell in der Mobilität – ist Deutschland weit von seinen selbstgesteckten Zielen entfernt. Unsere CO₂-Minderungsziele für 2020 werden wir krachend verfehlen. Auch deshalb ist die Sektorkopplung ja ein so wichtiges Thema, damit die Energiewende nicht nur eine Stromwende bleibt.

Was bedeutet es in der Praxis, wenn wir den Stromverbrauch an die Erzeugung anpassen müssen?

Erstens müssen wir technische Flexibilitätsoptionen finden, also diejenigen Verbraucher, deren Last sich zeitlich verschieben und somit an das Dargebot aus Wind und Sonne anpassen lässt. Das können beispielsweise Produktionsprozesse in der Industrie oder Kühlaggregate im Gewerbe, beispielsweise in Supermärkten, sein. Ganz besonders interessant sind auch Anwendungen der „Sektorkopplung“, also beispielsweise Stromspeicherheizungen oder Elektromobilität. Nicht im Fokus unserer Arbeit stehen hingegen private Kleinverbraucher wie beispielsweise Waschmaschinen, deren Flexibilitätspotenzial aus verschiedenen Gründen ein eher theoretisches ist. Zweitens müssen wir die erforderlichen digitalen Plattformen bereitstellen, um Erzeuger und Verbraucher intelligent miteinander zu verbinden. Ganz einfach gesagt: Der flexible Verbraucher muss die richtigen und rechtzeitigen Signale bekommen, wann er ein- oder ausschalten soll. Das hat übrigens auch viel mit guten Wetter-, Erzeugungs- und Verbrauchsprognosen zu tun. Und drittens muss es für die Betreiber der Flexibilitätsoptionen auch einen wirtschaftlichen Anreiz geben, ihre Lasten im Sinne des sicheren, stabilen Netz- und Systembetriebs zu verschieben. Dazu braucht es ganz neue Prozesse – bei WindNODE arbeiten wir an der Flexibilitätsplattform – und auch neue Märkte.

 

Welches sind die größten Herausforderungen für eine erfolgreiche Energiewende?

Technisch ist die Integration großer Mengen erneuerbarer Energie in unser Stromnetz eine anspruchsvolle, aber lösbare Aufgabe. Genau daran arbeiten wir bei WindNODE: Was muss man tun, wenn mehr als die Hälfte des Stroms aus fluktuierenden Quellen stammt? Die Antwort darauf lautet, neben dem unbestritten erforderlichen Netzausbau, unter anderem: den Verbrauch an das Angebot anpassen. Wenn wir das schaffen, haben wir im Übrigen auch die Chance, uns als Anbieter neuer Technologien weltweit neue Märkte zu erschließen und somit viele hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen.

Welche Herausforderungen gibt es noch?

Wir müssen es schaffen, die Bereitstellung der gewünschten Flexibilität für die Anbieter auch ökonomisch attraktiv zu machen. Dafür brauchen wir neue Geschäftsmodelle – und vor allem die richtigen Spielregeln. Derzeit orientiert sich der regulatorische Rahmen noch zu sehr an der alten Energiewelt, und speziell die gewünschte Sektorkopplung steht teilweise vor unsinnigen und prohibitiven regulatorischen Hürden. Der Atomausstieg und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) haben uns in der ersten Phase der Energiewende in eine Spitzenposition bei der Erzeugung erneuerbaren Stroms gebracht. Genauso wie damals brauchen wir jetzt für die zweite Phase der Energiewende politischen Mut und visionäre Kraft.

Apropos „visionäre Kraft“: Wie kann man die Menschen für die Vision der Energiewende begeistern?

Das ist eine besonders wichtige und oft vergessene Herausforderung. Wir müssen es schaffen, die großen Chancen des Generationenprojekts Energiewende sichtbar zu machen – und sollten die Diskussion nicht darauf beschränken, ob die Kilowattstunde Strom einen halben Cent mehr oder weniger kostet. Ich wünsche mir, dass wir nicht nur Akzeptanz für die Energiewende herstellen, sondern ein Stück weit Begeisterung dafür entfachen. Man kann es durchaus mit der Mondlandung vergleichen: Beides sind hochgradig anspruchsvolle Projekte – technisch wie wirtschaftlich. Noch gibt es aber einen großen Unterschied: Die Mondlandung hat Faszination ausgelöst, die Energiewende rangiert bestenfalls unter „Akzeptanz“. Dabei könnte die Energiewende die Mondlandung unserer Generation sein. Die Energiewende ist mehr als nur eine – durchaus dringend erforderliche – Prävention von Nuklear- und Klimakatastrophe: Technologieführerschaft einer Exportnation, gute und zukunftsfeste Arbeitsplätze, sauberere Städte, dezentrale Beteiligung an der Wertschöpfung, Faszination durch Technik – all dies und noch mehr kann Energiewende sein. Dieses Narrativ müssen wir viel stärker in den Vordergrund rücken.

Welche Rolle kann Kunst dabei spielen?

Für viele Menschen ist Energie, speziell elektrische Energie, eine ziemlich abstrakte und zugleich nicht besonders spannende Angelegenheit. „Strom kommt aus der Steckdose“, hat man uns noch vor wenigen Jahrzehnten gesagt. „Low-Involvement-Produkt“ kann man das neudeutsch nennen. Auf der anderen Seite gibt es all die Ingenieure, Ökonomen und viele andere mehr, die mit größter Leidenschaft an der Energiewende arbeiten. Wie kann es gelingen, diesen „Funken überspringen“ zu lassen? Ich denke, die Verknüpfung von Energiewende und Kunst ist ein wunderbarer und ziemlich innovativer Ansatz, um die Ideen und Visionen von WindNODE fassbarer und verständlicher zu machen. Viele Menschen haben ja ein großes Interesse an Kunst. Was liegt also näher, als dieses Interesse dafür zu nutzen, um die Menschen für das abstrakte Thema Energiewende zu begeistern? Kunst kann im ersten Schritt die Bereitschaft erzeugen, sich mit der Energiewende überhaupt zu beschäftigen. Sie kann Zugang zu Perspektivwechseln bieten. Im zweiten Schritt kann man sich dann selbst Gedanken darüber machen, was man zur Energiewende beitragen kann. Und drittens kann sie helfen, dass die scheinbar so trockene Materie plötzlich auch Spaß macht.